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Serienreife

„Neue Helden braucht das Königreich“ – Alper Turfan erzählt in seiner achten Kolumne über das Geheimnis der Film- und Serienwelt und verrät, warum die neue Serie „Kingdom“ gerade den Puls der Zeit trifft.

S-POOL - TIPP
Serientalk mit Alper Turfan

Zur Person

Alper Turfan ist seit Ende 2017 Geschäftsführer & Künstlerischer Leiter der Film- und Videoproduktionsfirma Schattenwolf GmbH. Seit Februar 2018 produziert, moderiert und schreibt er für den Film-, Serien- und Comics-Kanal Cinema Strikes Back, der von den Öffentlich-Rechtlichen betrieben wird. Zuvor leitete Alper den renommierten Filmkanal DieFilmfabrik, der mit einer halben Million Abonnenten zu den größten Filmkanälen Deutschlands zählte.

In der internationalen Film- und Serienwelt gibt es ein offenes Geheimnis, an dem Autoren von Hollywood über Seoul bis nach Wanne-Eickel festhalten: Eine Geschichte steht und fällt mit ihren Figuren. In den letzten zehn Jahren wurde der amerikanische Unterhaltungsmarkt genau deswegen von einem Buch namens „Save the Cat“ überrollt. Seine Kernaussage: Deine Geschichte ist dann mitreißend, wenn deine Hauptfigur gleich zu Beginn eine Katze rettet oder eine ähnliche Heldentat vollzieht. Schließlich liebt der Mensch dreierlei: Haustiere, Helden und Geschichten über Haustiere und Helden. Sämtliche Blockbuster der letzten Jahre haben dieses einfache und effektive Erzählprinzip übernommen.
Dass das nicht der einzige Weg zum Erfolg sein kann, zeigen Serien wie „Dexter“, „Hannibal“ oder „Breaking Bad“, die sich um Serienmörder, Kannibalen oder Drogenköche drehen. Auf die südkoreanische Netflix-Serie „Kingdom“ trifft das Prinzip aber zu und die Serie könnte aktueller nicht sein: Zum Ende des 16. Jahrhunderts zieht eine Seuche über das Land, die nicht nur Bürger im ganzen Land in Angst und Schrecken versetzt, sondern hinter verschlossenen Palasttoren sogar den König überfällt. Die Krankheit macht ihn zu einem triebgesteuerten Ungeheuer, das nach Menschenfleisch lechzt. Wie bitte? Zombies? Ja, durchaus. So liegt es am heldenmütigen Kronprinzen, zur großen Hoffnung des Volkes zu werden, nicht nur im Kampf gegen die Seuche, sondern auch als Verfechter eines abgenutzten Genres: Es schien, als sei der Wiedergänger einen weiteren Tod gestorben. Der gigantische Erfolgszug der amerikanischen Serie „The Walking Dead“ ist nach einigen enttäuschenden Staffeln passé.Auch die Filmwelt hat sich seit langer Zeit nicht mehr in die Welt der Zombies hineingewagt. Kingdom bringt nun mit der zweiten Staffel frischen Wind in das (un)tote Untergangsgenre. Dass die sechs neuen Folgen ausgerechnet Anfang März zu Beginn der Corona-Pandemie in Europa anliefen, ist günstiges oder ungünstiges Timing. Wie man’s nimmt. Dabei ist die Horrorserie nicht nur für die Zuschauer interessant, die nach dem unvergleichlichen Oscar-Erfolg von „Parasite“ neugierig auf die südkoreanische Erzählkraft geworden sind. Die verworrenen Intrigen um den wackeligen Königsthron sind ein Faszinosum für sich. Es ist eine Laune der Ironie, dass ein Land, das die Corona-Krise früh unter Kontrolle bekommen hat, nun die beste Seuchengeschichte der letzten Zeit erzählt.