(vergessen?)
(vergessen?)
Zum ersten Mal hier? Dann: Hier registrieren!

Mut zum Neuanfang

Der Neuanfang. Nebulös, verlockend und doch auch mit einem gewissen Grad an Unsicherheit verknüpft. Eine Chance oder nur eine Flucht vor sich selbst? Hat man „New is always better“ von Barney Stinson aus „How I Met Your Mother“ zu oft gehört? Vom Sinn eines beruflichen Neuanfangs und davon, dass eine Umorientierung kein Scheitern bedeutet ...

 

 

 

Der Weltraumhändler

Dem Weltraum ein Stück näher zu sein. Florian Noller ist seit seiner Kindheit von der Raumfahrt begeistert, es ist sein Hobby, seine Leidenschaft. Als am 28. Januar 1986 das Space Shuttle Challenger explodiert, prägt das Ereignis den damals 10-Jährigen nachhaltig. Zugleich steigt sein Interesse an der großen, unbekannten Weite. Trotzdem macht Florian nach der Schule erst mal ein duales Studium im Bereich Bankenwesen.

Viele junge Menschen fragen sich nach dem Schulabschluss: Welchen Beruf will ich langfristig ausüben? Dass das nicht immer einfach zu beantworten ist, liegt auf der Hand. Denn kann man schon nach dem Schulabschluss wissen, wie der eigene Traumberuf aussehen soll? Für Florian war aber eines schnell klar: „Einer Arbeit nachzugehen, bei der es nicht wirklich um Menschen, sondern um das Erfüllen von Volumen und Planzahlen geht, war nichts für mich. Dass ich dort falsch war, wurde mir nach wenigen Wochen bewusst.“ Er fühlte sich unterfordert, erkannte, dass er seine Ideen in diesem Bereich nicht einbringen konnte, und beschloss, sein Studium abzubrechen. Damit ist Florian nicht alleine. Der Berufsbildungsbericht 2018 der Bundesregierung zeigt, dass in diesem Jahr insgesamt 146.376 junge Menschen ihre Ausbildung abbrachen. Motive dafür gibt es viele. Florian merkte während des Studiums, was er wirklich will, nämlich sein Hobby zum Beruf machen und seinen eigenen Weg gehen, ganz egal was passiert. Dieser Wendepunkt in seinem Leben bedeutet ihm auch heute noch viel, denn da erkannte er vor allem eins: Das, was er bisher gemacht hat, war nicht der richtige berufliche Kurs in seinem Leben. Schließlich fasste er noch ein Quantum Mut und die erste Phase des Neuanfangs begann: das Abschließen. Darunter ist zu verstehen, dass man den Abbruch nicht als Scheitern, sondern als Chance und einen Umbruch zu etwas Besserem empfindet. Danach kommt die zweite Phase: das Erforschen der Gründe. Hier sollte man sich viele Fragen stellen, wie etwa: Wofür brenne ich, womit möchte ich tagtäglich zu tun haben, was bringt es mir und was kann ich meinem Umfeld bieten? In der letzten Phase heißt es dann: Plan erstellen und loslegen!

So beschloss Florian, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen: Er vertreibt und sammelt heute in Zusammenarbeit mit Astronauten Erinnerungsstücke aus dem Weltraum. Darunter befinden sich Dinge wie der Handschuh des Astronauten David Scott, der 1971 auf dem Mond war. Der Handschu hat übrigens einen Ehrenplatz bei Florian im Büro. Weitere Artikel, die Florian verkauft, sind zum Beispiel Uhren mit eingearbeiteten echten Mondstaubpartikeln.
In fünf Jahren sollen US-Astronauten wieder auf dem Mond spazieren gehen –dies legte die NASA dieses Jahr fest. Florian freut sich darauf, denn durch seinen Job ist er ein Stück weit Teil dieser Mission. Und er weiß, wann man merkt, dass es die richtige Arbeit für einen ist: „Wenn man morgens mit einem Gefühl aufwacht, die Arbeit machen zu dürfen und nicht zu müssen.“

 

Die Konditorin

Morgens 5 Uhr in Norddeutschland: Der Wecker klingelt, draußen ist es kalt und dunkel. Die Ausbildung zur Konditormeisterin ist nichts für Langschläfer. Die Zeiten, in den Lydia Steinbrich studierte und später aufstehen konnte, sind vorbei. Aber sie ist froh darüber, sich für die Ausbildung entschieden zu haben: „Ich brauche immer mal wieder was Neues und die Vorstellung, nach dreieinhalb Jahren Theorie rein praktisch zu arbeiten und was ganz anderes zu machen, hat mich sehr gereizt.“ Nach ihrem Studium fasste sie also den Mut und fing noch mal ganz von vorn an.

Konfuzius’ Weisheit besagt: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Doch um einen Beruf zu wählen, muss man erst wissen, welcher denn wirklich zu einem passt. Um sich das bewusst zu machen, hat Lydia ihre gewohnte Umgebung verlassen: „Nach dem Studium hab ich mir erst mal eine zweimonatige Auszeit im Ausland genommen, um mir das in Ruhe zu überlegen.“ Das ist die erste Phase des Neuanfangs, das Abschließen und Erst-mal-den-Kopf-frei-Kriegen. Allerdings wusste sie schon in der Schulzeit, dass das Backen ihre Leidenschaft ist, und hatte sich schon nach dem Abi auf eine Ausbildung in einer Konditorei beworben. Da die Sprache aber ihr zweites Steckenpferd ist, bewarb sie sich parallel fürs Studium. „Den Studienplatz habe ich zuerst bekommen, also hab ich das gemacht. Während des Studiums hat mich die Idee, eine Ausbildung zur Konditorin zu machen, aber nie ganz losgelassen.“ Nach dem Studium denkt sie „Jetzt oder nie!“, bewirbt sich für eine Ausbildung als Konditormeisterin und bekommt den Ausbildungsplatz.

Doch das frühe Aufstehen, das viele Stehen, die vielen körperlichen Arbeiten, all das ist sie nicht gewohnt. Lydia, der „Kopfmensch“, ist erst mal frustriert, denn gerade am Anfang kam sie nicht an ihre eigenen Ansprüche heran und musste „nach einem erfolgreichen Studium wieder ganz vorn anfangen, v. a. wenn die Aufgaben so einfach aussehen, aber einem halt die Übung fehlt“. Ihr wird klar, dass sie ihren Lebensstil anpassen muss und einen Nebenjob braucht, um sich die Ausbildung finanzieren zu können. „Aber wenn man ein Ziel vor Augen hat, ist auch das keine wirkliche Hürde, sondern eine Sache der Organisation.“ Außerdem gewöhnt sie sich schnell an die Umstellung.
Um sich wirklich sicher zu sein, die richtige Ausbildung zu machen, hat Lydia nach dem Auslandsaufenthalt, in der zweiten Phase des Neuanfangs, ihre Gründe und Motivationen für den Wechsel auf den Tisch gelegt. Und ihr wurde klar, dass „handwerkliche Berufe nach wie vor eine hohe Jobsicherheit bieten, sich gut mit vorangegangenen akademischen Berufen vereinbaren lassen und gute Weiterbildungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten eröffnen, sowohl innerhalb Deutschlands, aber definitiv auch international“. Die Fragen, die man sich also stellen sollte: Wofür will ich leben und meine Zeit nutzen? Wenn man sich zu wenig damit auseinandersetzt, kann es passieren, dass man im falschen Beruf landet. Der DGB-Ausbildungsreport 2018 befragte über 14.500 Azubis: 21,9 Prozent haben überhaupt nicht geplant, in dem von ihnen gewählten Beruf zu arbeiten, 7 Prozent sehen ihre Ausbildung sogar nur als eine Notlösung an.

Es hilft, die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse zu reflektieren. Denn eine gute Work-Life-Balance, ein angesehenes Unternehmen und ein hohes Einkommen sind nicht alles, worauf es ankommt. Das belegt auch der Stepstone Arbeitsreport 2018, in welchem 48 Prozent der Befragten angaben, dass ihr Karriereziel Spaß am Job ist. „Meine Begeisterung für die Produkte und das handwerkliche Geschick, Optik und Kreativität zu verbinden, hat mich motiviert, das Handwerk als Grundlage für eigene Kreationen zu erlernen.“ so Lydia. Pro Woche arbeitet man etwa 40 Stunden und im Leben etwa 80.000. „Manchmal ermöglicht der Beruf auch einfach die Ausübung eines bestimmten Lebensstils und muss nicht die persönliche Erfüllung sein. Aber da man sehr viel Zeit mit Arbeiten verbringt, ist es doch schön, wenn man diese Zeit auch genießen kann und nicht nur absitzen muss“, meint Lydia. Mit dieser Einstellung werden auch ihre Baumkuchen-Spezialitäten ein wahrer Genuss.

 

Der Comiczeichner

Wenn Christopher Kloiber an seinen Zeichnungen sitzt, denkt er manchmal an die Worte seiner Mutter: „Mach doch mal was mit Bayern.“ Das war damals die Initialzündung für die Superhelden-Comics mit „bayrischem Setting“. Christopher: „Ich fand die Idee eines generischen Superhelden-Comics, der in den USA spielt, ziemlich öde“, weshalb er den „Tracht Man“ erschuf. Inspiriert hat ihn Stan Lee, Schöpfer von unzähligen Superheldenfiguren wie Spider Man oder The Avengers.

Heute ist der Comiczeichner aus Bamberg Zeichner, Autor und seit 2008 Gründer eines eigenen Comicverlags. Doch der Weg war nicht einfach: „Das ‚Dranbleiben‘ ist das Schwierigste und Langwierigste. Man ist anfangs immer ‚der Neue‘ und man muss sich eben einen Namen machen, bekannt werden innerhalb der Szene und auch bei potenziellen Kunden.“ Zunächst absolvierte er eine „vernünftige“ Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Er war im Supermarkt, danach in der System-Gastronomie tätig und hat überwiegend im Verkauf gearbeitet. Doch es fühlte sich nicht richtig an. „Das Comiczeichnen begleitete mich seit Schulzeiten und so habe ich 2008 meinen eigenen Comicverlag gegründet.“ Konventionelle Arbeit war nie sein Ding, für ihn war das nur Mittel zum Zweck, um Geld zu verdienen. „Mein Ziel war es immer, mit meinen Comics und Illustrationen meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

Wenn er heute auf Events wie der Comic Con unterwegs ist, trägt er selbstbewusst knallbunte Blazer und hat grüne Haare. Dort präsentiert er seinen „Tracht Man“, eine von ihm entwickelte Comicfigur. Dabei kann man sich die Grübelei sparen, wie ernst das gemeint sein soll. Der bayerische Superheld befindet sich eindeutig auf der parodistischen Seite und hat außergewöhnliche Superkräfte, die durch das bayerische Bier so richtig zur Geltung kommen.

Aber um in der Comicbranche Fuß zu fassen, sind keine Superkräfte notwendig, sondern Eigenschaften wie „Ausdauer, Kritikfähigkeit und Durchsetzungsvermögen“, so Christopher. Er hat seinen Traum verwirklicht und einen Neuanfang gewagt, welchen er bis heute nicht bereut: „Ich fand die Vorstellung unerträglich, bis zur Rente im Supermarkt oder hinter einer Theke zu stehen.“ Es ist wichtig, die eigenen Talente zu erkennen und seine Ideen zielstrebig zu verfolgen. Außerdem braucht man „Mut und Verstand, um neue Wege zu gehen.“, sagt Christopher.

 

Die Pfotenpoetin

Anders als nach einer Ausbildung führt ein Studium nicht direkt zu einem bestimmten Beruf. Die Folge: kein Ziel in Sicht. Nicht selten stehen Absolventen dann vor der Frage: Was mache ich jetzt? Auch Nadine Brandt weiß zunächst keine Antwort darauf.

„Als ich die Bachelor-Urkunde in den Händen hielt, war ich eigentlich nur eins – planlos“, erzählt die Pfotenpoetin. Während des Studiums wird ihr klar, dass sie an vielen Fächern mit dem Schwerpunkt Kommunikationsdesign wenig Interesse hatte: „Je näher der Abschluss rückte, desto mehr wurde mir bewusst, dass Werbung absolut nicht das ist, was ich machen will.“ Viele Studiengänge sind nicht auf einen konkreten Beruf spezialisiert und bieten nach dem Abschluss eine Vielzahl von Tätigkeitsfeldern. Umso wichtiger ist es, eigene Kriterien festzulegen, was einem im Job wichtig ist. „Ich wollte nicht immer nur am PC arbeiten, es aber auch nicht ganz aufgeben, Bilder zu bearbeiten und Texte zu schreiben. Meine Hunde gaben mir täglich einen Anlass zu lächeln und genau das wollte ich einfangen“, sagt Nadine.

Die erste Phase des Neuanfangs dauerte bei ihr ein halbes Jahr, bis eins zum ande- ren kam: „Alles hat auf einmal zusammengepasst, all die Kurse, die ich eher widerwillig belegt hatte, alles, was mir schon immer Freude gemacht hat, kam an einem Punkt zusammen und Hunde waren und sind eben das Thema, zu dem ich am meisten etwas zu sagen habe.“ Sie hat in dem halben Jahr gejobbt und Klarheit darüber gewonnen, was sie wirklich will. Die Findungszeit eignet sich zudem auch gut, seine Qualifikation zu erweitern, etwa durch Weiterbildung. Schließlich machte sich Nadine selbstständig und ihre Texte rund um den Hund in 15 verschiedenen Farben, Kunstdrucken, Magneten, Postkarten und Kalendern verkaufen sich gut. Für Nadine gehört zu einem Neuanfang, dass „man sich mit den Vor- und Nachteilen auseinandersetzt und ganz ehrlich zu sich selbst ist“, nur so könne man seinen Traumberuf finden. Und erkennen, ob es sich in Wirklichkeit um eine Flucht vor sich selbst oder um eine sinnvolle Umorientierung im Beruf handelt. Dabei hilft es, in sich hineinzuhören und ehrlich zu reflektieren, ob man mit sich selbst im Reinen ist. Außerdem: „Einen Job nur zu machen, weil er Geld bringt oder die Eltern glücklich macht, ist sicher nicht die Lösung“, so Nadine. Der Neuanfang war für sie definitiv der richtige Weg.