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Selbstcheck - Gutes tun

Autorin: Izabella Falon

Fast jeder dritte Deutsche will Gutes tun und engagiert sich dazu freiwillig – und das mehrere Stunden im Monat. Wie kann ein  ehrenamtliches Engagement in der Praxis aussehen? Und was macht das mit mir?

 

 

 

Mein Tag in der Bahnhofsmission

Der erste Hilfesuchende, der in meiner Schicht kam, sollte in sein Land abgeschoben werden – noch am gleichen Tag. So begann mein Tag in der Bahnhofsmission in Stuttgart: herausfordernd, bunt und immer in Bewegung. Der Mann versuchte in schlechtem Deutsch immer wieder zu erklären,
er brauche noch Zeit zum Packen, er könne jetzt nicht fahren. Eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde war mit ihm gekommen und erklärte den Mitarbeitern der Bahnhofsmission, die unter bestimmten Voraussetzungen Fahrkarten ausstellen dürfen, dass er ein Zugticket braucht. Ich kam dazu und übersetzte, da ich genauso wie er aus Polen komme. Er müsse heute noch den Zug nehmen, sonst würde er sich ab morgen illegal in Deutschland aufhalten, redete ich behutsam auf ihn ein. Er versprach mir, in ein paar Stunden wiederzukommen. Als ich später mit Schwester Birgit einen Bahnhofsrundgang machte, sah ich ihn betrunken in eine Bahn steigen und fragte mich, ob er den Zug nach Görlitz rechtzeitig schaffen würde. An diesem Tag haben wir ihn nicht mehr wiedergesehen. Später, als ich an der Bahnhofsmission das Bild rechts für flin machte, kam eine Frau mittleren Alters auf mich zu und fragte nach einem Brötchen. Sie sprach undeutlich, weshalb ich sie nicht sofort verstand – daraufhin beschimpfte sie mich. Jürgen Herrmann, stellvertretender Leiter der Bahnhofsmission, erklärte mir, dass man solche Erlebnisse nicht an sich heranlassen dürfe. Das sei eine wichtige Voraussetzung für die Mitarbeit in der Bahnhofsmission.

„Die Kunst besteht darin, eine gesunde Distanz zu den Menschen zu entwickeln, ohne dabei abweisend zu sein.“

Die Vielfalt der Gesellschaft kennenlernen

Warum entschied ich mich, in der Bahnhofsmission zu helfen? Ganz einfach: Ich wollte die Gesellschaft in ihrer vollen Vielfalt erleben. Für Menschen jedes Alters in unterschiedlichen Lebenslagen Gutes tun. Meine Erwartungen haben sich erfüllt. An diesem Tag kamen Obdachlose, die nach dem nächsten Schlafplatz fragten, viele sozial schwache Menschen, die sich über einen Kaffee und etwas Süßes sehr freuten, aber auch psychisch Kranke, die ein Gespräch suchten. Als ich einen blinden Jungen vom Bus zum Zug begleiten durfte, machte es klick. In dem Moment wusste ich, wie wertvoll dieses Engagement für mich ist und wie gut es sich anfühlt, anderen zu helfen, die es im Leben nicht so leicht haben.

Generell kann jeder Interessierte mithelfen, der volljährig und offen für Menschen unterschiedlicher Herkunft ist, der „körperliche Fitness mitbringt und psychisch gefestigt ist – denn man wird immer wieder mit Schicksalen konfrontiert“, erklärt Herrmann. Es gibt eine Früh- sowie eine Spätschicht, „optimalerweise kommen die Ehrenamtlichen zwei Mal pro Monat“, sagt er.

„Es ist immer was los, man trifft Menschen aus allen Gesellschaftsschichten.“

Wollen Sie sich ehrenamtlich engarieren?

Informieren Sie sich hier...

www.bahnhofsmission.de
https://ehrenamt.bund.de/

Das Wohnzimmer des Bahnhofs

Vor der Coronapandemie trafen sich in dem Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission viele Menschen und tauschten sich aus. Das „Wohnzimmer“ des Bahnhofs, wie er oft liebevoll genannt wird, fehlt heute. Maximal drei Personen dürfen sich hineinsetzen, um ein Gespräch mit dem Mitarbeiter oder Ehrenamtlichen zu suchen oder um sich bei einem Tee oder Kaffee zu entspannen. Auch durch Stuttgart 21, ein Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart, kommen nicht mehr so viele Hilfesuchende zum Verweilen vorbei. „Es ist kalt geworden, seit alle Läden und Verkaufsstände in der Bahnhofshalle wegen Stuttgart 21 geschlossen sind“, erzählt Herrmann. Die Stimmung im Team der Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen, die ich an diesem Tag unterstützen durfte, war jedoch fröhlich und herzlich. Ich fühlte mich sehr schnell wohl – als wäre ich schon lange dabei. Als Jürgen Herrmann mich fragte, ob ich wiederkommen möchte, antwortete ich, ohne zu zögern: „Unbedingt!“ Sie haben Interesse an einem ehrenamtlichen Engagement bei der Stuttgarter Bahnhofsmission? Kontakt: 0711 – 29 29 95 oder stuttgart@bahnhofsmission.de