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Wohntrends: Weniger ist mehr

Viele wollen sie, doch nicht jeder kriegt sie: eine bezahlbare Wohnung in Ausbildungs-, Uni- oder Job-Nähe. Die Wohnungsmarktlage sieht vor allem in Städten nicht rosig aus. Das Problem: Die Bevölkerungszahl wächst, der Andrang in Ballungsräumen steigt. Die Bautätigkeit geht im Gegensatz nur langsam voran, oft liegt es auch an fehlenden Baugrundstücken in der Stadt. Die Folgen: hohe Mieten, von Massenbesichtigungen frustrierte Wohnungssuchende oder Vermieter, die immer öfter umfassende Angaben zur finanziellen Situation verlangen.

Wer bereit ist, sich auf Neues einzulassen, kann dem Gedränge auf dem Wohnungsmarkt ausweichen. Das Neue heißt alternative Wohnformen, hat viele Gesichter und klingt zuweilen auch ein wenig nach Abenteuer: Das neue Wohnen ist mobil, gemeinschaftlich, nachhaltig oder minimalistisch. Ob Tiny House, Hausboot, Wohnwagen, Container, Baumhaus, Micro-Apartment oder „Hilfe statt Miete“ – Wohnkonzepte gibt es in zahlreichen Ausführungen. Manche entstehen auf Anhängern, auf dem Wasser oder auf Dächern von Bürogebäuden, Supermärkten oder Garagen. Doch die vielen Konzepte zeigen eines: Viel Platz zum Wohnen benötigt man nicht unbedingt.

Städte verdichten sich – Wohnraum wird knapper. Die Mieten steigen und steigen. Das belegt der Studentenwohnpreisindex des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Laut diesem gab es zwischen 2010 und 2018 eine deutliche Erhöhung der Mieten, in München um 51 Prozent, in Hamburg um knapp 33 Prozent. Der aktuelle Mietpreisspiegel pro Quadratmeter liegt in Hamburg bei rund 13 Euro, in Stuttgart bei etwas über 15 Euro und in München bei etwa 23,90 Euro. Woran das liegt? Letztendlich ist eine krasse Fehleinschätzung Mitte der 1980er dafür verantwortlich. Damals ging man aufgrund abnehmender Bevölkerungszahlen von einer sinkenden Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt aus. Öffentlich geförderter, aber auch privater Wohnungsbau ging zurück. Außerdem wirken sich Entwicklungen wie der Trend zu Einpersonenhaushalten oder die Verstädterung auf die Wohnungssituation aus.

SO WILL DEUTSCHLAND ALTERNATIV WOHNEN

13 % Tiny House

15 % Baumhaus

29 % Hausboot

43 % Ökohaus

29 % Mehrgenerationenhaus

Quelle: Statista

Lisa Koßmann wohnt im Tiny House

Angesichts dieser angespannten Situation könnte man sich die Frage stellen: Wie viel Platz benötige ich zum Leben? So wie etwa Lisa Koßmann. Die 28-Jährige, die mittlerweile erfolgreiche YouTuberin ist, verfolgte lange Zeit den Plan, „möglichst wenig zu besitzen, nur so viel, wie ich wirklich brauche und sinnvoll benutzen kann“, erzählt sie flin. Sie suchte über ein halbes Jahr nach einer bezahlbaren Wohnung, denn als Studentin hatte sie nur ein begrenztes Budget. Als sie über Onlinerecherche erstmals auf YouTube auf das Wohnkonzept „Tiny House“ stieß, war die Idee geboren. Heute weiß Lisa: Ihr Tiny House passt zu ihr. Sie konnte die Inneneinrichtung individuell gestalten und hat sich ein kleines Badezimmer, aber dafür eine größere Küche gebaut. Lisas Tiny House ist vorerst als Wohnanhänger angemeldet und steht auf einem Stellplatz. Ab Januar 2020 meldet sie es auf einem gepachteten Platz als Grundstück mit dauerhaftem Wohnsitz an. Generell gibt es stationäre und mobil aufgestellte Tiny Houses, wobei die stationären rechtlich gesehen ganz normale Wohnhäuser sind. Sie gelten als bauliche Anlage und sind genehmigungspflichtig. Mobile stellen keine bauliche Anlage dar, es gilt das Straßenverkehrsrecht und somit Regeln fürs Parken und Übernachten. Falls man das mobile Tiny House für längere Zeit auf einem festen Stellplatz abstellt, greift unter Umständen wieder das Baurecht. Ab welcher Dauer das gilt, ist unterschiedlich. Mehr Informationen dazu auf: www.wohnglueck.de. Lisas Rat: „Man sollte sich mit dem Baurecht auseinandersetzen und Zeit einplanen“, denn sie hat zwei Jahre gebaut.

Ein Viertel der Studierenden wohnt noch bei den Eltern

3,9 % zur Untermiete

29,7 % in einer WG

15,5 % im Wohnheim

26,4 % in der eigenen Wohnung

24,5 % bei den Eltern

Roberto Passarotto lebt im Wohnwagen

Auch Roberto Passarotto zählt zweifelsohne zu den Pionieren des alternativen Wohnens. Als er vor drei Jahren nach Hamburg kam, fand er seinen ersten Job im Miniatur Wunderland. Schwieriger gestaltete sich dagegen die Suche nach einer Wohnung. Er durchforstete Facebook-Gruppen, Onlineportale und hörte sich um. Doch nichts. Passarotto: „Es war alles katastrophal, es wurden Preise verlangt wie etwa 500 Euro für ein mickriges 20-m²-Zimmer.“ Also fasste er all seinen Mut und realisierte einen lang gehegten Traum: im Wohnwagen wohnen. In den Kleinanzeigen ergatterte er für 1.000 Euro einen alten Wohnwagen und baute ihn zu einem gemütlichen Rückzugsort um. Später, als er eine neue Stelle bei einer Wintersportarena in Bispingen annahm, erlaubte ihm der Betreiber, sein mobiles Zuhause auf dem Privatgelände abzustellen. Seitdem lebt er direkt neben seiner Arbeitsstelle. In seinem liebevoll eingerichteten Häuschen auf Rädern hat er alles, was er zum Leben braucht. Und das Beste: „Egal, wo ich mit meinem Wohnwagen stehe, ich bin immer zu Hause“, erzählt Roberto. Handwerklich begabt war Roberto schon immer. Und sein Vater brachte ihm Tischlerei-Aufgaben bei, als er noch ein kleiner Junge war. Deshalb hat Roberto die Technik im Wohnwagen selbst erneuert: einen Warmwasserboiler installiert, Stromleitungen gelegt und auf 220 Volt umgebaut, eine LED-Beleuchtung mit Sicherungskasten integriert, neue Möbel eingebaut. Zusätzlich hat er Wasserleitungen, Abwasserrohre und eine Keramiktoilette eingerichtet. Laufende Kosten? „Ich habe eigentlich gar keine Kosten“, antwortet er zufrieden. Als er noch auf einem Campingplatz stand, betrug der Jahresbeitrag für den Stellplatz 1.400 Euro. Das fällt nun weg, da er auf einem Privatgelände steht. Wer mit dem Gedanken spielt, in einem Wohnwagen zu wohnen, muss beachten: In Deutschland ist das wilde Wohnen und beliebige Umherziehen auf öffentlichen Flächen nicht gestattet. Im Wohnwagen dauerhaft wohnen darf man nur auf ausgewiesenen Campingstellplätzen, Tiny-Siedlungen oder eben, wie Roberto, auf Privatgeländen mit Erlaubnis der Besitzer.

Grösse der Flächen

Hausboot: 14 m² bis 24 m²
Schwimmendes Haus: ab 50 m²
Micro-Apartment: 20 m² bis 40 m²

Andere Wohnkonzepte

Wer den Wohnwagen mit Urlaub verbindet, mag auch beim Wohnen auf einem Hausboot stark an die schönsten Tage des Jahres erinnert werden: Ein leichtes Schaukeln der Wellen vom Bett aus beobachten, während Enten schnattern – das gibt es beim Wohnen auf dem Wasser. Gut zu wissen: Hausboote sind motorisiert und man benötigt einen Bootsführerschein. Schwimmende Häuser hingegen werden auf Pontons gebaut und an festen Liegestellen angebracht. Sie verfügen über keinen eigenen Antrieb, somit ist kein Bootsführerschein nötig. Für beide gelten unterschiedliche rechtliche Bedingungen und Preise. Gebrauchte Hausboote sind ab ca. 35.000 Euro erhältlich, schwimmende Häuser kosten wie etwa ein Niedrigenergiehaus ohne Innenausbau 200.000 Euro. Liegeplätze können in ausgewiesenen Zonen an Flüssen und Seen sein, wie etwa an der Ostsee, in Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Berlin und an kleineren Seen der Nordhälfte Deutschlands. Ein weiteres Wohnkonzept sind Micro-Apartments. Schrumpfende Haushalte und wachsende Mieten begünstigen die Nachfrage nach Ein- bis Zweizimmerwohnungen in großen Metropolen, wie das Generationenkulthaus in Essen zeigt. Der zweckmäßige Zusammenschluss bringt hier Menschen verschiedener Generationen und Nationen zusammen. Das Haus besteht aus einem Café mit angeschlossenem Trödelmarkt, darüber Arbeitsräume für Selbstständige, eine Etage höher Wohnungen, kleine Apartments, Wohngemeinschaften und ganz oben, im sechsten Stock, eine große Lounge. Ein Dorf in einer Stadt.

Wie funktioniert Wohnen für Hilfe?

  • Auf der Website www.wohnenfuerhilfe.info, welche die Uni Köln zur Verfügung stellt, erhält man alle wichtigen Informationen zum Projekt.
  • Nachdem man die jeweilige Stadt, in der man wohnen möchte, ausgewählt hat (in unserem Beispiel Karlsruhe), werden die Ansprechpartner und die Website
    www.paritaet-ka.de aufgelistet.
  • Dort kann man dann Bewerbungsbogen herunterladen und ausfüllen. Dies gilt sowohl für Wohnraumgeber als auch für Studierende.
  • Diese ausfüllen und an den Sozialdienst unter www.paritaet-ka.de schicken. Auf den Bogen können die Wünsche angegeben werden – z. B. Geschlecht, Erfahrungen etc.Studierende werden nach Eingang des Bogens ins Büro des Sozialdienstes eingeladen. Wohnraumgeber werden besucht. Bei Interesse beider Parteien werden die Daten beider weitergegeben und man kann ein Kennenlerntreffen ausmachen.

Susanne Butz bietet Wohnen für Hilfe

Hadi Asghari fegt im Garten Laub zusammen, hilft in der Küche mit oder geht einkaufen. Der 28-jährige Informatik-Student wohnt mit einer Seniorin zusammen, unterstützt sie im Alltag und zahlt dafür keine Miete. „Sie ist eine liebe, offene und sozial engagierte Frau“, erzählt er. Hadi wandte sich dafür an das Projekt „Wohnen für Hilfe“. Susanne Butz, Betreuerin des Projektes und Mitarbeiterin bei der Paritätische Sozialdienste gGmbH in Karlsruhe, vermittelt zusammen mit ihrer Kollegin Claudia Brümmer Studierende in Karlsruhe und Pforzheim. In insgesamt 33 deutschen Städten ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnen für Hilfe zurzeit aktiv. In einer weiteren Kooperation mit den Hagsfelder Werkstätten und Wohngemeinschaften Karlsruhe (HWK) vermitteln sie auch Auszubildende, FSJler/-innen (Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren) oder Bufdis (Personen im Bundesfreiwilligendienst). Wohnraumgeber sind Menschen, die Unterstützung benötigen – meist Senioren, aber auch Familien und Menschen mit Behinderung. Ein guter Ansatz gegen ungenutzten Wohnraum? Immerhin: In Deutschland wohnt etwa jeder Dritte über 65 Jahre allein, weil der Partner gestorben ist oder die Kinder ausgezogen sind. Die Senioren leben also in einer meist zu großen Wohnung und brauchen Unterstützung. Junge Menschen haben wenig Geld für Miete – „Wohnen für Hilfe“ bringt beide zusammen. „Es gibt eine Faustregel: Pro Quadratmeter des bezogenen Zimmers wird eine Stunde Hilfe im Monat geleistet. Die Mietzahlung entfällt, nur die Nebenkosten, wie etwa Strom, Wasser und Müllabfuhr, werden von den Mietern bezahlt“, erklärt Susanne Butz. Hadis Zimmer ist 20 Quadratmeter groß, er hat sein eigenes Badezimmer und seine eigene Toilette. Die Küche darf er nutzen, wann immer er möchte. Hadi arbeitet ungefähr 3–4 Stunden pro Woche und viel am Wochenende. Wenn die Seniorin Hilfe braucht, sagt sie ihm kurzfristig Bescheid, es gibt keine festen Arbeitszeiten oder Aufgaben. Dabei betont Susanne ausdrücklich: „Wohnen für Hilfe beinhaltet ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Miteinander. Wenn wir den Eindruck haben, es wird bloß eine billige Haushaltshilfe gesucht, nehmen wir das Angebot nicht an.“ Auch Pflegeleistungen sind in der Wohngemeinschaft ausgeschlossen. Hadi hilft gerne, denn er findet, in einer Gesellschaft sind solche Werte wichtig. Das Wohnkonzept gibt dem gebürtigen Iraner die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, sich zu integrieren, die Sprache besser zu lernen, die deutsche Kultur kennenzulernen und etwas von seiner eigenen mitzuteilen – „eine Win-Win-Situation“, findet er.