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Kick und Klick

Nicole kann aus dem rosaroten Spieleparadies abgeholt werden, bevor sie einen Zuckerschock kriegt“ – müsste es aus den Lautsprechern dröhnen. Tut es aber nicht. Denn Nicole ist kein Kind, sie ist nicht im Bällebad eines Möbelgeschäfts oder auf einem Kindergeburtstag und der Donut ist auch nicht süß. Dieser ist aus Plastik.

Die 24-jährige Studentin besucht mit ihrer Freundin das Pop-Up Museum in Köln-Ehrenfeld. Was in Amerika längst ein Trend ist, schwappte im November 2018 nach Deutschland über. Das Supercandy-Museum, ehemals eine Druckerei, wurde speziell für die Ausstellung komplett pink gestrichen, außen wie innen. Selbst die Fenster sind mit einer Folie verklebt und vermitteln das Bild eines rosafarbenen Wolkenhimmels aus Zuckerwatte. Die Stationen: Riesenlakritzpool mit 60 cm tiefem Becken, gefüllt mit 50.000 schwarzen Bällen, ein pinkfarbenes Bällebad, ein Bereich mit Konfetti-Regen oder ein Raum mit einer Flamingowand, denn Einhörner sind heute Zuckerwatte von gestern.
Diese künstlich erschaffene Kulisse mit bunten Räumen und schrillen Gegenständen bietet eine perfekte Bühne für die Selbstdarstellung und kommt gerade recht in einer Zeit, in der es heißt: „Nicht das Erlebnis an sich ist das Ziel, sondern die Geschichte und die Bilder davon.“ Dies legt die Studie „Die Zukunft der Freizeitgestaltung“ des Kuratoriums für Verkehrssicherheit und des ZukunftsInstituts nahe. Die kleinen und großen Momente des Lebens werden in den sozialen Medien geteilt, um Mitglied einer virtuellen Community zu sein. Der nächste Kick ist Bestandteil des persönlichen und zugleich öffentlichen Lebens. Das Resultat: ein gezieltes Suchen nach Erlebnissen, um sie zu posten. Ein Grund für diese Entwicklung sind unter anderem die zahlreichen Möglichkeiten, die die sozialen Medien geschaffen haben. In einer „Always-on-Mentalität“ ermöglichen Smartphones heute eine nie gekannte Fülle an selbst erschaffenem Content. Virtuelle soziale Strukturen und Gemeinschaften wachsen und mit ihnen entstehen neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung – wie im Supercandy-Museum.

Die Generation Y & Z sucht und zeigt Erlebnisse wie keine Generation zuvor.

Dabei ist man nicht mehr nur Rezipient von Inhalten – man ist Produzent, Motiv und Fotograf zugleich: „Das Coole am Pop-Up Museum ist, dass man selbst zum Künstler wird“, so Nicole. Diese erschaffene Kulisse bietet eben genau die Bühne, um sich selbst zu inszenieren.

Immer mehr Events mit Highlights, Superlativen und neuen Attraktionen sind gefragt.

Der beste Raum für mich war der ‚Supercandy International Airlines‘ – die rosafarbene Flugzeug-Szenerie“, erzählt Nicole. Ihr Sugar-High-Moment: „Das erste Mal ins riesige Bällebad springen und die vielen Gummibärchen zum Zwischendurch Naschen.“ In der Tat kann die 1.200 Quadratmeter große Ausstellung durchaus mit einem Spieleland für Kinder verwechselt werden. Wären da nicht die vielen Instagrammer, Influencer, YouTuber oder einfach Foto-Jäger, die in Gruppen von Raum zu Raum weiterziehen. Der grellbunte Ort ist ein Selfie-Museum, seine Besucher werden zu Exponaten, die sich selbst wie ein Kunstwerk inszenieren. Nicole hat dort mit ihrer Freundin etwa 500 Fotos geknipst. Es gefällt ihr, sich dort zu präsentieren und „mal ein etwas anderes“ Bild zu machen. Und nicht nur Nicole gefällt es. Rund 40.000 Besucher nutzten die sechsmonatige Ausstellungszeit in Köln.
Bei dem ganzen Spaß, den wir mit Instagram, Snapchat & Co. haben, stellt sich dennoch die Frage, wohin diese
Entwicklung führt. Sind wir nur noch auf der Jagd nach dem nächsten Abenteuer oder Kick? Und müssen wir immer die ganze Welt daran teilhaben lassen? Ausstellungen wie das Pop-Up-Museum in Köln spiegeln unsere Zeit und Gesellschaft – letztendlich möchten wir gut aussehen und dies all unseren Freunden zeigen. Genuss ist sekundär, es geht um das Bild.
Die Stiftung für Zukunftsfragen kam im „Freizeit Monitor 2018“ zu dem Schluss, dass viel mehr kurzzeitige Erlebnisse gefragt sind, die etwas Besonderes verheißen. Nicht ohne Grund spricht man auch von der „Eventisierung der Kultur“.
So fokussieren sich viele Kultureinrichtungen immer mehr auf Events, die mit Highlights, Superlativen und immer
neuen Attraktionen punkten.

Instagrammable places“ sind wichtiger als der physische Besitz von Dingen.

Dies lockt viele an – jedoch nur zum einmaligen Besuch. Schließlich wartet die nächste Attraktion schon, um entdeckt und fotografiert zu werden. Und nicht nur im Kultur-, sondern auch im gesamten Freizeitbereich wird das Angebot von Jahr zu Jahr größer. Dabei werden gern außergewöhnliche Erlebnisse festgehalten. Denn nicht fotografiert heißt nie passiert. Ob Urlaub, ein Hobby oder eine einmalige Sache: Außergewöhnliche Momente sind wichtig. Vor allem bei jungen Erwachsenen. Und das nicht nur wegen des Erlebnisses selbst, sondern um anderen seine Identität in den sozialen Medien zu zeigen. Während früher das Auto als Statussymbol galt, sind es heute die Erlebnisse, die man teilt und den eigenen Charakter repräsentieren sollen. Wichtig bei den Posts ist auch die Wahl des Ortes und dass dieser „instagrammable“ ist. So erzeugt etwa die Oberbaumbrücke in Berlin, eine beliebte Kulisse, nicht selten bis zu 2.000 Likes. In einer Umfrage gaben 40 Prozent der Befragten zwischen 18 und 33 Jahren an, ihr Reiseziel wegen der „shareability“ auszusuchen.
Fragwürdig erscheint es zuweilen, wenn Extrem- oder auch Freizeitsportler mit Helmkameras bei ihren Abfahrten, Stürzen und Flügen Risiken eingehen. Alles wird in Videos, Blogs und Bilderstrecken dokumentiert und geteilt – die mediale Inszenierung ist somit garantiert. Aber eben nicht nur die extremen Erlebnisse landen in dervirtuellen Community und dienen als Kulisse für die Selbstdarstellung. Der Sportphilosoph und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Erfurt Dr. Arno Müller weiß: „Es gibt mittlerweile einen regelrechten Tourismus zu coolen Selfie-Hintergrundmotiven.“

Ein paar Tipps von Vreni

  • Social-Media-Auszeiten gönnen: Meine Social-Media-Apps und Mails sind von 19 bis 7 Uhr deaktiviert.
  • Den Teller auch mal leer essen, anstatt ihn nur zu fotografieren.
  • Die Ruhe vom Smartphone genießen: das tägliche Posten hinter sich lassen.
  • Entfolge Accounts, die dich mit negativen Gefühlen triggern.
  • Real Life Likes in Form von Begrüßungs-Umarmungen mit Freunden bewusst genießen.
  • Sich selbst und die Branche nicht zu wichtig nehmen.

Bloggerin Vreni Frost

 


Vreni Frost, eine erfolgreiche Bloggerin und Social-Media-Expertin, sieht es ebenso: „Das Reiseziel wird in manchen Fällen danach ausgesucht, ob es instagrammable ist. Das finde ich traurig, weil die Außenwirkung hier über das persönliche Erlebnis gestellt wird.“ Frost studierte Medienwissenschaften, hat für eine PR-Agentur gearbeitet und parallel dazu den Blog neverever.me gestartet. Sie hat über 12.000 Abonnenten auf Facebook und 51.000 Follower auf Instagram und gilt unter ihren Fans als spannend, authentisch und inspirierend. Ihre Lieblings-Accounts auf Instagram? „Die News WG klärt mich über die unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Themen auf, bei Viertel/Vor lerne ich etwas über Nachhaltigkeit, Herz & Blut inspiriert mich dazu, meine Wohnung auf Vorderfrau zu bringen, und Till Reiners zaubert mir täglich ein Lächeln ins Gesicht“, schwärmt die Bloggerin.
Vreni findet aber auf Instagram auch Accounts mit Tiefe, die nicht nur die neueste Contouring-Technik oder das Coachella Festival hervorheben – „man muss nur etwas suchen“, meint sie. Insgesamt sieht sie ihre Online-Nutzung inzwischen lässig und ist nicht mehr so viel auf Instagram & Co. unterwegs, wie sie es lange Zeit war. „Ich habe mich zu lange zu stark von Instagram unter Druck setzen lassen. Nun gehe ich entspannt mit der Social-Media-Welt um.“ Auch Nicole ist der Meinung, dass Erlebnis und Ort wichtiger sind als die „shareability“. „Ich würde es wahrscheinlich nur nicht posten, wenn der Ort nicht fotogen wäre. Aber klar, bei dem Besuch des Pop-Up Museums habe ich schon daran gedacht, das eine oder andere Bild hochzuladen.“ Doch nicht nur künstliche Kulissen, auch die reale Welt bietet zahlreiche Möglichkeiten, schöne Bilder zu machen. Schaut man sich um, lassen sich tolle Orte und Aktivitäten finden, die wenig kosten und viel zu bieten haben. Mal unter freiem Himmel schlafen, barfuß laufen, eine Nachtwanderung durch den Wald …, dafür muss man weder die große weite Welt bereisen noch die besten „instagrammable places“ suchen. Denn schon direkt vor der Haustür kann das ein oder andere hübsche Bild gemacht werden. Apropos hübsch: Müssen die Bilder wirklich perfekt aufbereitet werden? Heutzutage ist es möglich, dass „Selfies mit einem Klick rund um den Globus geteilt, aber vorher noch aufgehübscht werden, sodass sie manchmal mit dem Original nur noch wenig bis gar nichts zu tun haben“, meint Dr. Arno Müller. Mit der Folge, dass „die Formen der Selbstdarstellung immer extremer werden.“ Natürlich will man sich nur von der besten Seite zeigen. Und jeder weiß, dass perfekte Bilder nicht die Realität sind. Die Bewegung #bodypositivity auf Instagram zeigt beispielsweise, dass extremer Perfektionismus von vielen Menschen auch abgelehnt wird. Der Hashtag zeigt reale Bilder ohne Filter. Und leider ist der Perfektionswahn ein negativer Aspekt der Digitalisierung. Doch es gibt auch positive Seiten. Die sozialen Medien können bei der Planung des nächsten Trips oder Urlaubs helfen und inspirieren. Das Selbstbewusstsein kann gestärkt werden, wenn positives Feedback von der Community kommt. Neue Kontakte entstehen, alte werden gepflegt, genauso werden Leidenschaften oder gar schlummernde Talente geweckt. Und eines ist klar: Solange der Blick auf die Realität nicht durch den Blick durch die Linse getrübt wird, ist es nicht verkehrt, seine besonderen Momente fotografisch festzuhalten. Dr. Arno Müller ist sich sicher: „Wir sollten aufpassen, den Fokus nicht nur auf das Negative zu lenken. Social-Media-Plattformen sind nicht per se schlecht, es kommt darauf an, wie man sie nutzt. Die Selbstdarstellung (bestenfalls mit einem wiederholten positiven Feedback aus der Community) kann zweifellos das Selbstbewusstsein stärken.“

Dr. Catarina Katzer leitet das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik in Köln. Sie beschäftigt sich mit „Handeln, Fühlen und Denken im digitalen Zeitalter“ und ist eine international anerkannte Expertin auf diesem Gebiet.

Hat die Digitalisierung die Freizeiterlebnisse verändert?
Unser Alltag findet immer mehr online statt. Die perfekte Inszenierung des eigenen Ichs spielt eine immer größere Rolle. Selbstwertgefühl und das eigene Selbstbild speisen sich immer mehr darüber, wie uns andere beurteilen oder bewerten. Viele Likes oder Follower schaffen ein gutes Gefühl. Genau dies springt auch auf unseren Freizeitbereich über. Die Wirksamkeit aus Sicht der anderen, der Betrachter bzw. der Follower auf Instagram & Co., steht im Mittelpunkt. Das eigentliche Ziel der Erholung tritt immer mehr in den Hintergrund.

Wie wirkt sich das auf die Freizeitaktivitäten aus?
Sie werden immer stärker nach ihrem Attraktivitätsgrad ausgesucht: extreme Sportarten wie Mountain-Climbing – ohne
Sicherung, versteht sich –, Wildwasser-Safari, River-Rafting
oder Hochhäuser in Megacitys bezwingen, ausschweifende Shoppingtouren in Supermalls und vieles mehr. Das „Normale“
wird schnell langweilig und hat auf Instagram keine Chance.

Also haben die sozialen Medien einen großen Einfluss auf das Freizeitverhalten der Menschen?
Ja, denn unser konkretes Freizeitverhalten wird immer stärker davon bestimmt, was wohl bei anderen gut ankommt, was besonders, außergewöhnlich ist und möglichst viel Aufmerksamkeit generiert. „Admiration seeking“, die Suche nach Bewunderung, ist gerade in sozialen Netzwerken besonders verbreitet.

Aber ist die Suche nach „instagrammable places“ verkehrt?
Die Gefahr besteht dabei, dass man die Erlebnisse nur noch wegen der Bilder oder Storys macht und sich auch nur darum kümmert, wie man die Aktivitäten besonders gut auf Instagram darstellen, sprich fotografieren kann. Dabei geht der emotionale Effekt des eigentlichen Erlebnisses verloren – der Sonnenuntergang auf einem Dreitausender wird gar nicht mehr richtig gelebt und empfunden oder gar als Erinnerung abgespeichert.

Die Social-Media-Inszenierung ist ein sehr wichtiger Faktor bei der Wahl der Erlebnisse?
Ja, denn die sozialen Netzwerke helfen dabei, von sich ein bestimmtes Image zu kreieren und über sie einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Dazu wird auch die Freizeit „missbraucht“ – man hat heute im Internet-Rhythmus keine Zeit mehr, sich mit langweiligen Dingen zu beschäftigen. Das meiste sollte spannend, attraktiv, mind-blowing sein, sonst hat man aus Sicht der User einfach Zeit vertan.

Bleibt da noch die Zeit zum Durchatmen?
Nein, dazu bleibt keine Zeit, denn andere könnten ja denken, man hätte nichts Spannendes zu erzählen. Auch das normale Alltagsleben, privat und beruflich, kann in Mitleidenschaft gezogen werden – es entsteht ein immenser Kommunikationsdruck, dem man nicht mehr Herr wird. Dies ist schädlich für unser Wohlbefinden.

Was würden Sie jemandem raten, der weniger posten möchte, aber nicht ganz aufhören will?
Ich denke, jeder sollte ein digitales Bewusstsein entwickeln. Man muss fühlen können, was tut mir gut, woran habe ich Spaß, was ist nützlich und womit vergeude ich unnötig viel Zeit, was setzt mich unter Stress oder wann beginne ich mich unwohl zu fühlen.

Gibt es gezielte Strategien, die helfen, mit dem „Digital-Stress“ umzugehen?
Ein Online-Logbuch kann helfen. Was mache ich wann, wie oft und wie lange? Das Logbuch gibt es auch als App. Besonders wichtig ist dabei, Selbstkontrolle zu üben und bewusst abstinent zu sein. Allein schon wenn man die Push-Funktion ausschaltet und das Smartphone nicht sichtbar liegen lässt (bereits die Anwesenheit lenkt ab), gewinnt man schon viel Zeit für andere Dinge. Smartphone-Türme in der Familie und mit Freunden (wer zuerst nach dem Gerät greift, zahlt die nächste Runde) einführen, gezielt App-Nutzung reduzieren (Apps schalten automatisch ab) oder Screen des Smartphones auf Graustufen stellen (Farbe und bunte Bilder lenken viel mehr ab) sind weitere Strategien. Auch helfen Apps wie Moment, Offtime oder Checky das eigene digitale Nutzungsverhalten zu beobachten.